Hier sitze ich und tue es wieder. Und es ist mir schmerzlich schwer, wie jedes Mal, vor allem, wenn ich beginne. Die Angst, es zu vermasseln, steht direkt hinter mir, mit schmalen Augen auf meine Worte blickend, ihre Hand schwer auf meiner Schulter. Aber es soll ja doch getan werden. Also muss ich es tun…

Schreiben.

Was ist das eigentlich, dieses Schreiben? Was ist es mir? Ich will einmal um mich herum und dann in mich hinein blicken und sehen, was ich darüber herausfinden kann. Schreiben: Zeichen setzen auf oder in eine Oberfläche, die von anderen gesehen, zur Kenntnis genommen und, wenn alles gut geht, verstanden werden können. Aber ich greife vor. Ich sollte am Anfang anfangen, damit alles seine Ordnung hat. Es ist auch so schon kompliziert genug.

Die Geschichte der Schrift

Es wird schon seit Jahrtausenden geschrieben. Die Gelehrten sprechen von 5000 bis 6000 Jahren, Vorläufer von Schriften sind vermutlich noch älter. Wer wann wo die ersten Zeichen schuf und auf ein Material übertrug, das sie über den Moment hinaus bewahren konnte, bleibt im Dunkeln. Sicher ist nur, dass es an mehreren Stellen der Welt zu menschheitsgeschichtlich sehr ähnlichen Zeiten geschah. Vielleicht entstand das, was wir heute Schrift nennen in Gemeinschaften, die so angewachsen waren, dass die Informationen mündlich nicht mehr an alle weitergegeben werden konnten oder sollten.

Auch über die genauen Inhalte der ersten Dokumente ist man keineswegs sicher. Administrative Inhalte, Mythen und Geschichten, Poesie – in den sehr alten Fragmenten finden sich Hinweise auf alles. Es ging wohl immer darum, dass Inhalte nicht verloren gehen, sondern je nach Bedarf geordnet, gesichert und erinnert werden sollten. In Mesopotamien verfasste man in sumerischer Keilschrift nachgewiesenermaßen administrative Schriftstücke, mit ägyptischen Hieroglyphen werden in den Grablegen der Pyramiden bis heute sichtbar Macht und Herrlichkeit ihrer Besitzer beschrieben.

Die chinesische Schrift kann eine 4000jährige Geschichte vorweisen. Die ältesten Relikte, die sie zeigen, sind gravierte Orakelknochen und Schildkrötenpanzer. Die südamerikanische Knotenschrift Quipu der Inka kann heute niemand mehr lesen. Sie ging mit jenen unter, die sie verwendet hatten, als Invasoren ihre gewalttätigen Träume von Gold und Infektionskrankheiten in jenen Teil der Welt trugen.

So zu schreiben kostete Mühe und Ressourcen. Schreiben und lesen können war daher zuerst nur wenigen zugänglich. Je nachdem, mit welchem Material geschrieben wurde, war die Schriftkunde für viele oder wenige zugänglich. In Ägypten, wo Papyrus und Rohrfedern billig erstanden worden konnten, gab es viel weniger Illiterate als im europäischen Mittelalter mit seinen Eichengallustinten und kostbaren Pergamenten. Als das viel günstig herzustellende Papier aus China kommend seinen Siegeszug antrat, vergrößerte sich auch die Zahl derer, die es nutzten. Die Erfindung des Buchdrucks erleichterte die Verteilung und den Besitz von Geschriebenem. Moderne E-Books beanspruchen nicht einmal mehr einen Platz im Regal.

Heute schreiben viele am Computer und bräuchten nicht einmal Papier, und doch sind Papier und Stift immer noch hoch beliebt. Warum schreibt und archiviert man nicht alles inzwischen digital oder sogar als Audio-File? Das würde noch weniger Mühe machen, als es mit einer Tastatur einzugeben, man bräuchte nur in sein Smartphone plaudern. Aber dem Geschriebenen scheint eine höhere Wertigkeit beizuliegen. Woher kommt dieser Wert?

Der Wert des Geschriebenen

Schreiben macht Mühe. Vor allem, wenn der Text gut, lesens-wert werden soll. Jemand muss seine Lebenszeit hingeben und etwas „verfassen“. Die meisten Menschen sind faule Geschöpfe, was nicht vorwurfsvoll gemeint ist: Die menschliche Faulheit ist eine Quelle der Erfindung nützlicher Lebens-Erleichterungen (an dieser Stelle einen herzlichen Dank an die Erfinder von Wasch- und Spülmaschinen!). Ein Teil des Wertes des Geschriebenen liegt in der Anerkennung dieser Mühe. Jemand hat sich hingesetzt und „es“ getan. Brav!

Geschriebenes ist machtvoll. Jene Menschen, die in Asien mühevoll komplizierte Zeichen in Knochen und Schildpatt schnitten, die für Orakel genutzt werden sollten, hatten ein Ziel. Sie gaben ihre Energie und Konzentration, um Auskunft über die Verfasstheit der Dinge und die Gestalt der Zukunft zu gewinnen oder beides sogar zu beeinflussen. Dem Geschriebenen wurde durch dieses Wollen Macht beigelegt, es war magisch. Heute neigt man dazu, über Magie mitleidig zu lächeln oder sich ihr gläubig hinzugeben. Egal, wie man sich dazu stellt, Fakt ist: Jedes Geschriebenes ist auf seine Weise magisch.

Linien und Formen auf einem Untergrund können in Inhalte tragende Sprache übersetzt werden. Sie können Gedanken in Köpfe pflanzen, die die Macht haben, die Zukunft zu verändern. Ist das nicht immer noch überaus erstaunlich? Worte können Gefühle erregen, die Menschen auf das Tiefste bewegen. Die griechischen Tragödienschreiber wussten um die Macht der von ihnen aufgewühlten Schmerz und Trauer. Ihr Ziel war die Katharsis, die seelische Reinigung durch das Miterleben und Mitfühlen. Die „Helden“ der Tragödien, die schuldlos oder ohnmächtig auf oft grausame Weise vom Schicksal gezeichnet wurden, waren ja doch auch Menschen. Im griechischen Theater litt man mit ihnen. Und wenn man neben sich blickte, sah man denselben Schmerz in den Augen des Nachbarn und wusste sich im Mensch-Sein geeint. Für einen Augenblick war sie überwunden, die dem Menschen durch sein solitäres Denken immer gegenwärtige Einsamkeit.

Geschriebenes überdauert die menschliche Lebenszeit. Es hat Tradition, Dinge und Sachverhalte, die erhaltenswert sind und nicht verloren gehen dürfen, immer auch in geschriebener Form aufzubewahren. Die sumerischen Tempelvorsteher führten sorgfältig Buch über ihre Angelegenheiten. Viele der größten Religionsgemeinschaften berufen sich bezüglich ihrer Maximen auf „Heilige Bücher“ oder Schriftsammlungen. Herrscher, egal ob personal oder institutionell, demonstrieren und dokumentieren ihre Macht und ihren Einfluss durch geschriebene Gesetzestexte. Dieses Wertschätzung von schriftlichen Botschaften ist geprägt von kosmisch zu nennender Weitsicht: 1977 schrieb man auf die Voyager Golden Records „The Sounds of Earth“, und es gibt eine Anleitung in symbolischer Sprache, die extraterrestrischen Sophonten (Nachtrag: außerirdische, intelligente Lebensformen) erklären soll, wie die Datenplatte dekodiert werden kann.

Geschriebenes ist leichter zu prüfen, zuverlässiger und auf eine sympathische Weise allgemein zugänglicher. Wer sich schriftlich erklärt hat, der kann sich nicht mehr so leicht herausreden, egal wie groß sein Charme ist. Das Führen von Listen sorgt dafür, dass nicht Wichtiges vergessen oder übersehen wird. Das gilt sowohl beim Einkaufen als auch beim Sammeln von Beweisen vor Gericht. Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen, pflegte mein Mathematiklehrer zu sagen. Und recht hat er: Für die Weitergabe von Wissen ist die Verschriftlichung unverzichtbar, vor allem bei theoretischem Wissen. Zu umfangreich, zu kompliziert ist längst das Welt-Wissen, als das ein einzelner Mensch alle Details aus allen Wissensbereichen erinnern und weitergeben könnte. Die Zeit der Universalgelehrten ist schon lange vorbei. Wie praktisch sind geschriebene Unterlagen in dem Fall, dass man sich an etwas nicht mehr ganz so genau erinnert oder auch, wenn man etwas Neues lernen möchte.

Der Wert des Schreibens

Nicht nur das Geschriebene, auch das Schreiben selbst trägt einen Wert in sich. Jeder, der mehr oder weniger regelmäßig schreibt, weiß um die klärende, reinigende Kraft des Niederschreibens. Morgenseiten beispielsweise helfen, den Kopf freizubekommen. Die unersättliche Quasselstrippe im Kopf gibt Ruhe, weil sie sich ordentlich Luft machen durfte. Dinge, die belastend, aber nicht zu ändern sind, verschwinden aus den Dauerkreisen im Kopf, nachdem sie auf ein Blatt Papier gebannt wurden. Schließlich wird Platz für neue Gedanken, für Kreativität oder neue Ansätze in der Problemlösung. So hilft das Geschriebene auch dem Schreiben. Tagebücher dienen der Selbstvergewisserung und -klärung. Ich möchte da explizit für mich sprechen: Auch die Dinge, die ich über mich selbst eigentlich wissen müsste, scheine ich immer wieder zu vergessen. Das gilt vor allem, wenn es um schmerzliche Erkenntnisse geht. Aber dann blättere ich zurück und es steht schon einmal da. Also fasse ich mich seufzend an die eigene Nase und hoffe, dass mir diesmal die Einsicht länger erhalten bleibt. Ein Dankbarkeits-Manual zu schreiben, hat eine ganz eigene, ich möchte fast sagen, therapeutische Wirkung. Wenn man den Standpunkt und die Art und Weise ändert, mit der man auf die Welt blickt, sehen viele Dinge tatsächlich ganz anders aus.

Das Schreiben von Sachtexten ist weit weniger trocken, als es auf den ersten Blick erscheinen könnte. Der Autor schreibt ja über etwas, mit dem er sich lange und intensiv beschäftigt hat. Ein jedes Wissensgebiet wird spannender, je besser man es versteht und je tiefer man eindringt. Das eigene Lernen über den Punkt des gesegneten Halbwissens hinaus mag eine Zumutung sein. Den Zweifel an den eigenen Fähigkeiten wird der innere Kritiker ohne müde zu werden am Leben halten. Dennoch ist es eine Freude, Wissen zu teilen, anderen dabei zu helfen, bei den ersten Schritten in einem fremden Terrain nicht ins Straucheln zu kommen. Im Idealfall schreibt ein Sachbuchautor wie für einen Freund, dem er „die Sache“, welche auch immer es sein mag, leicht machen möchte. Wenn das gelingt, hat er über ein Thema, das er bestens kennt und schätzt, für jemanden geschrieben, dem er zugetan ist. Das verspricht Begeisterung und Freude für beide.

Jeder, der schon einmal ein wissenschaftliches Paper geschrieben hat, weiß, wie sehr diese Arbeit die Klarheit seines Denkens befördert. Die Erfordernisse der gründlichen und nachgewiesenen Recherche erweitern den Horizont. Die geforderte Nachvollziehbarkeit ist gut für die Klarheit der Argumentation und der Sprache. Sie erdet auch ein Denken, das sich um Dinge dreht, denen ein wenig der direkte Bezug zur Lebensumwelt fehlt. Und ja, spätestens bei der Verwendung des Begriffs Sophonten dürfte klar geworden sein, dass ich hier meine eigene Zunft der Philosophen meine. Ich schreibe jetzt sofort eine Erklärung dahinter und bitte höflich um Entschuldigung.

Autoren von Fantasy oder Belletristik haben mir berichtet, welche Freude und welches Glück es in ihr Leben bringt, ihre Geschichten zu erzählen. Auch für sie ist das Schreiben als Tätigkeit über weite Strecken mühsam. Aber das gilt für viele Tätigkeiten, die gelernt sein wollen, Anstrengungen und Bemühen erfordern und Zeit brauchen. Jeder, der Sport macht, kennt das auch. Doch wenn der Punkt des Schmerzes überwunden ist, wenn die Anstrengung, sich Zeit freizuschaufeln erfolgreich war und man wahrhaftig „ins Schreiben kommt“, ist es eine der beglückendsten Erfahrungen überhaupt. Man kann Welten entstehen lassen, Geschöpfen zum Leben verhelfen, die in der Lage sind, Herzen zu berühren. Man kann all dem, was geschieht, einen Sinn beilegen. Blickt man dagegen in die reale Welt um sich herum, die sich in so weiten Teilen als unerfreulich sinnfrei, unbeeinflussbar und voller Widrigkeiten präsentiert, ist das wahrlich eine Wohltat. Und es kann eine Wohltat für den Leser sein, den man auf die Reise mit einlädt.

Schreiben ist wie Kinder bekommen. Man muss es nicht. Man kann sich dem enthalten mit dem berechtigten Hinweis, dass es wahrlich schon reichlich davon auf der Welt gäbe. Wenn man sich dafür entscheidet, wird es vermutlich erst einmal Geld kosten, und wenn man finanziell Pech hat, vielleicht mehr, als es einbringt. Es wird Zeit kosten, die man auch anders verbringen und mit anderen Aktivitäten hätte füllen können. Es bleibt immer der Zweifel, ob das nicht der angenehmere Weg gewesen wäre. Es wird über weite Strecken mühselig sein. Der Anfang ist schwer, und wenn es endlich „läuft“ kommt mit Sicherheit irgendetwas, das einen aus dem Tritt bringt und es schwer macht, dranzubleiben. Wenn der erste Entwurf dann fertig ist, fängt die eigentliche Arbeit erst an. Hier denke ich vor allem auch an die Poeten, die ich bisher noch gar nicht erwähnt habe. Denn nun muss man Hand anlegen und darf nicht ruhen, bis der Text klar und geschliffen ist, wie ein Edelstein. Jedenfalls, wenn man Sprache zu funkeln bringen möchte. Schreiben ist wie Kinder bekommen. Man muss es nicht. Man kann Angst haben, daran zu scheitern. Aber dann wird man nie erfahren, wie es sich anfühlt.

Warum ich schreibe

Meine größte Angst ist nicht, dass niemand jemals lesen würde, was ich mit all meinen Nöten und Mühen und in all meiner Fehlbarkeit niedergeschrieben habe. Sondern vielmehr, dass mir die richtigen Worte fehlen würden, um zu sagen, was ich eigentlich sagen will. Man weiß ja nie! Lesen hilft mir da, viel lesen, von anderen Menschen, die Schreiben können in einer Art und Weise, dass ich demütig stehe und mein Haupt vor ihnen neige. Ich stehe mit gesenktem Kopf, aber nicht unglücklich oder neidvoll. Mein Herz ist voll Achtung und Dankbarkeit, weil sie mich teilhaben lassen, weil sie mit ihren klugen, wohl gesetzten Worten in mir die Hoffnung nähren, dass es möglich ist, SO zu schreiben. Sie sind ja Menschen, genau wie ich!

Arme Geschöpfe, die denken, dass sie eine KI in dieser Weise für sich schreiben lassen könnten. Sie verlieren die Chance auf Berührung. Das Schöpferische, das den Geist Klärende und Befreiende, das zutiefst Beglückende des Schreibens geht verloren. KI kann nicht von ihrem Leben berichten, sie kann nicht sagen: Schau, ich bin ein Wesen wie Du. Wenn ich das geschafft habe, schaffst Du das auch! Sie ordnet vielleicht fremde Gedanken ganz vorzüglich, nicht aber die in meinem Kopf. Und vor allem: Sie kann mir in meinen Nöten nicht glaubwürdig versichern, dass ich nicht alleine bin in dieser Welt.
Denn, wenn alles gut geht, wenn ich geschrieben habe und das Geschriebene gefunden wurde, dann kann gelingen, einen anderen Menschen zu erreichen und in irgendeiner Weise zu berühren. Vielleicht kann ich ihn ablenken von Dingen, an die er aus seinen ganz eigenen Gründen im Augenblick nicht denken möchte. Vielleicht kann ich ihm ein wenig weiterhelfen können bei einem Problem, das ihn beschäftigt, weil ich meine Erfahrung für ihn zugänglich gemacht habe.

Oder, und das wäre für mich der Idealfall, vielleicht ist es mir sogar gelungen, mich fühlbar werden zu lassen, ihm wissen zu lassen, dass er nicht allein ist in seinem Sein. Mit seinen Problemen, seinen Gefühlen, seinen Gedanken. Dass es andere Leben gibt, gespickt mit Schwierigkeiten und guten Ideen, mit Verzweiflung und Freuden, gelebt von Menschen, die fühlen und denken und bereit sind, diese Fülle mit ihm zu teilen.

Das würde mich glücklich machen.